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Digitale Revolution oder biologische Degeneration 4.0?


Eine Kolumne von Frank Preßler


Rund 1,7 Millionen Treffer zeigt Google bei der Eingabe der beiden Wörter „Digitale Revolution“. Wikipedia und nahezu unendlich viel Literatur, Nachrichten und Magazine klären über die Bedeutung auf, damit zumindest die Grundprinzipien gleichsam verstanden und akzeptiert werden. Doch die tatsächliche Bedeutung für einen jeden von uns bleibt teilweise vage. Smartphones und sich selbst auffüllende Kühlschränke können ja wohl nicht schon alles gewesen sein, oder? Und warum finden eigentliche alle alles so super?
Es ist schon so: Wer es auch nur wagt, den digitalen Fortschritt nicht durchweg zu lobpreisen und als nicht-änderbare Verheißung, geradezu gottgegeben (das hätte Steve Jobs gefallen), zu beklatschen, der wird üblicherweise als technik- und fortschrittsfeindlich dargestellt. Kein Facebook: out. Kein Twitter: out. Kein Instagram, Tinder, Snapchat oder What’s App: out, out, out und nochmals out. Doch ist es wirklich so einfach: Existieren nur schwarz und weiß, oder gibt es nicht vielleicht doch ein wenig grau?


Facebook oder Toilette: Revolution ist relativ

Was heißt hier überhaupt Revolution? Silicon Valley und Co. produzieren in einem atemberaubenden Tempo neue Dinge. Alles ist immer super und lebensverbessernd, alle sind auf der Suche nach „the next big thing.“ Aber revolutionär? Es lohnt sich, einmal den Blick auf die Zeitachse zu verändern: Ein Blick zurück über 200 oder 500 Jahre zeigt Veränderungen wahrer Wichtigkeit: Niemand würde ernsthaft Facebook gegen die wassergespülte Toilette tauschen wollen. Auch andere Erfindungen wie Elektrizität, die Heizung, das Telefon, Radio und selbst das Fernsehen waren Meilensteine. Vieles von dem, was danach kam, waren und sind lediglich Verbesserungen bestehender Basis-Technologie, aber eben gerade nicht „the next big thing“. Man kann sagen, dass die Erfindung des Personal Computers und bestenfalls noch des Internets die beiden letzten großen Erfindungen waren. Man sollte feststellen, dass bestimmten Entwicklungen schlichtweg Grenzen gesetzt sind, die der Mensch heute noch nicht beliebig verändern kann.

Die Evolution hat in all den tausenden von Jahren die Menschen hervorgebracht, die wir heute sind. Wir sollten annehmen, dass diese Entwicklungs-Zeitspanne dafür gesorgt hat, bestimmte Fähigkeiten dergestalt zu optimieren, wie sie für uns von Nutzen sind. Wäre es wirklich so weit hergeholt zu behaupten, dass die technischen Entwicklungen der letzten zehn bis fünfzehn Jahre nicht auch Auswirkungen auf die Biologie des Menschen haben müssen? Nein, denn es sind schon vor einigen Jahren erste Hinweise auf Auswirkungen bekannt geworden, die nicht zu unterschätzen sind.


There’s an app for that: Leider.

Im Jahre 2014 erhielt der Wissenschaftler John O’Keefe den Nobelpreis für seine Entdeckung, dass auch der Mensch ein extrem gutes Navigationssystem mit sich herumträgt: Es liegt im Hippocampus des Gehirns. Details hierzu sollten der einschlägigen Literatur entnommen werden. Nun hat die GPS-Technologie Einzug in unser aller Leben gehalten, und es ist schon heute erkennbar, dass die dauerhafte Nutzung elektronischer Navigationssysteme zu einer Mangelnutzung des Hippocampus und damit langfristig zu dessen Degeneration führt. Die Gründe liegen auf der Hand: Wir fordern uns selbst nicht mehr. Wir machen auch keine Navigationsfehler mehr und wenn, dann wird eine neue Route dank Technologie in Sekundenschnelle berechnet. Letztlich ist es allgemeingültig: Wer sein Gehirn nicht trainiert, schwächt es zusehends, bis hin zur Demenz.

Dehnen wir dieses eine Beispiel aus, erkennen wir schnell, dass auch andere technologische Entwicklungen nur dazu dienen, uns das Leben zu erleichtern. „There’s an app for that.“ Mit dem Start des iPhone 3 im Jahr 2009 ging dieser bereits legendäre Werbeslogan um die Welt. Und es stimmt auch, es gibt wirklich für alles eine App – und genau das ist das Problem. Jede App, die uns im Zweifel das Leben erleichtern will, erledigt dieses auch mehr oder weniger gut, aber gleichwohl langfristig für einen hohen Preis. Wie in der letzten Kolumne kurz skizziert sowie weiter oben am Navigations-Beispiel dargestellt, will unser Gehirn vor allem faul sein. Diese Eigenschaft wird nunmehr technologisch unterstützt. Damit verlieren wir jedoch in der Folge wesentliche Eigenschaften, die evolutionär über so lange Zeit gewachsen sind: Erfahrungen, Lernen durch Fehler, mentale Anregung, intuitive Entscheidungskompetenz, Gelassenheit bis hin zu Resilienz. Zu viel? Zu dick aufgetragen? Es fehlen mangels zeitlicher Dimension die üblichen Langzeitstudien, und doch sind die Folgen schlüssig sowie konsequent.

Durchgehende Alarmbereitschaft

Andere Auswirkungen sind derweil wesentlich deutlicher greifbar, da sie uns alle tagtäglich belasten, soweit wir mit PCs und Smartphones zu tun haben. Was war das für eine Meldung kurz vor Weihnachten 2011: „Keine E-Mails mehr nach Feierabend bei Volkswagen.“ Es ging um die in all den Jahren schleichend zur Normalität gewordene Erwartungshaltung, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter doch bitte schön rund um die Uhr zu erreichen sein sollen. Diese Entwicklung hat VW seinerzeit gestoppt – zumindest für die Tarifbeschäftigten, nicht jedoch für die Führungsebene und außertariflich bezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und doch war es ein Signal: So geht es nicht weiter.

Denn die Dauererreichbarkeit führt letztlich dazu, dass Körper und Geist keine Pause mehr bekommen. Dabei geht es gar nicht darum, tatsächlich angerufen zu werden. Alleine die theoretische Möglichkeit führt dazu, dass rund um die Uhr an das Diensthandy und damit auch an die Arbeit gedacht wird. Einer solchen Dauerbelastung ist niemand lange ausgesetzt, ohne gesundheitliche Folgen zu spüren.

Ebenso lauern im Medium Mail gleich mehrere Gefahren, beginnend mit der unsäglichen Cc-Mailkultur, die wie ein Virus um sich gegriffen und scheinbar mehrere Milliarden Wirte befallen hat. Cc-Mails ohne erkennbare Gegenmaßnahmen sind Gift für jede Organisation und mithin für dessen Mitglieder. Sie kosten Zeit und benötigen Aufmerksamkeit, von der ohnehin meist zu wenig vorhanden ist. Es gibt nur ein effektives Gegenmittel: Umgehendes Löschen mittels automatisierter Regeln. Zudem sind die meisten Mail-Accounts so eingestellt, dass der Eingang neuer Nachrichten mit Melodien und optischen Mitteilungen angezeigt wird. In diesen Fällen wird den Empfängern jedoch Aufmerksamkeit entzogen. Die Mär des Multitaskings ist leider weiterhin verbreitet, denn es ist im Gegenteil richtig: Aufmerksamkeit ist immer nur in eine einzige Richtung gelenkt. Es gilt der Grundsatz, dass zur Vertiefung in einen Sachverhalt bis zu 15 Minuten Zeit benötigt werden. Jedes Mal von neuem. Nach jeder einzelnen Mail, die die Aufmerksamkeit auf den Sachverhalt eliminiert. Dieses ständige mentale Hin und Her zerrt sprichwörtlich an den Nerven. Hinzu kommen immense betriebswirtschaftliche Schäden durch ein hohes Maß an Ineffizienz. Und würde man die Entwicklung der Aspekte Sprache und Form in sozialen Netzwerken auf einer Zeitachse darstellen, wäre der Untergang der zivilisierten Welt vermutlich schon bald in Sichtweite. Der Verfall ursprünglicher gesellschaftlich normierter Umgangsformen bei Facebook und Co. ist erschütternd und mit Sorge zu beobachten.


Keine Digitalisierung aus reinem Selbstzweck

Die digitale Revolution sollte mehr sein als nur die Jagd nach Benchmarks und Kennzahlen, wie beispielsweise durch die letzte ICILS [1]-Studie 2013, bei der die Computernutzung in Schulen international untersucht wurde und Deutschland eher mittelmäßig abschnitt. Wenn die (vermeintlich schlechte) Kennzahl „11 Schüler/innen auf 1 PC“ als ein quantitatives Ergebnis der Studie maßgeblich für Entscheidungen sein soll, dann ist dieser Weg zweifelsfrei falsch. Was nützen mehr Rechner und Tablets, wenn der Unterricht nicht entsprechend angepasst ist? Und die Erkenntnisse über echte Mehrwerte aus der digitalisierten Schule sind bis heute widersprüchlich. In diesem Kontext ist es bemerkenswert, dass diverse Führungskräfte sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Silicon Valley ihre Kinder ganz bewusst in die computerfreie Waldorf-Schule in Los Altos schicken. Die New York Times berichtete 2011 darüber und stellte schon damals gut dar, wo selbst die größten Gewinner der Digitalisierung deren Schwächen sehen. Steve Jobs sagte seinerzeit zum Umgang seiner Kinder mit iPads: „Sie haben sie nie genutzt. Wir beschränken die Nutzung der Technologie zu Hause.“ Und Alan Eagle, seines Zeichens Kommunikations-Direktor bei Google ergänzte: „Die Vorstellung, irgendeine App auf dem iPad könnte meinen Kindern das Lesen oder Rechnen besser beibringen als ein menschlicher Lehrer, ist lächerlich.“ Gewiss, es sind nur zwei einzelne Meinungen und die Gewichtung ergibt sich lediglich aus der Berühmtheit ihrer Urheber. Und doch stellen sie exemplarisch in geeigneter Weise dar, dass die Digitalisierung nicht nur eine Richtung kennt.

Andere Aspekte der Digitalisierung sind gerade erst in Nuancen betrachtet worden. Wenn die Algorithmen, Robotik oder ganz konkret fensterputzende Drohnen erst Millionen Arbeitsplätze überflüssig gemacht haben, bleibt die Frage: Gibt es wie in allen bisherigen technischen Revolutionen adäquaten Ersatz? Oder wird auch dieser Ersatz durch Maschinen wahrgenommen? Und spätestens dann muss der Digitalen Revolution auch eine gesellschaftliche Veränderung folgen, es muss über derzeit noch kaum denkbare Alternativen wie Grundeinkommen oder staatlich geförderte Kapitalbeteiligungen durch die Gesellschaft nicht nur geredet werden, vielmehr werden Entscheidungen zu treffen sein.
Genug Negativität? Ist alles so schlimm? Natürlich ist das nicht der Fall, es wäre lediglich angebracht, der Digitalisierung nicht blindlings zu folgen, sondern den Faktor Mensch in allem als maßgebliche Instanz zu berücksichtigen. Es ist unmöglich, jahrtausendlange Evolution binnen einer Generation zumindest in Teilen zu verändern. Soweit Digitalisierung die Automation von Prozessen meint, ist diese ohne Zweifel wichtig und zielführend. Soweit Digitalisierung jedoch die Veränderung von Menschen meint, ist nicht alles schon per se gut, nur weil es digital ist.

Also: Mehr Grautöne zuzulassen wäre wünschenswert. Die Digitalität hat zweifelsfreie viele positive Eigenschaften, die auch nicht negiert werden sollen, aber sie hat wie so vieles in der Welt auch einen Preis, der noch zu wenig berücksichtigt wird. Die Entwicklung ist in ihrer Gesamtheit ohnehin nicht aufzuhalten, sie sollte jedoch dem Menschen angepasst werden – und nicht umgekehrt.


Diese Kolumne erschien auch im Kundenmagazin netzwerk, Ausgabe 2017#01.

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[1] International Computer and Information Literacy Study
Fotolia/Olena  

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