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„Ich werde 98 Jahre alt.“ - Über die Gestaltung der Zukunft


Eine Kolumne von Frank Preßler

Es begann vor rund einem Jahr, viel länger ist es nicht her. Ich sagte zu mir: „Ich werde 2071 sterben und also 98 Jahre alt werden.“ Was das soll? Kommen Sie mit, ich nehme Sie mit auf eine Reise, die gleichwohl auch Sie selbst und Ihr Wirken bei IT.Niedersachsen betrifft.

Erlauben Sie mir zu Beginn des heutigen, bisher persönlichsten Essays, einen kurzen Blick auf mein Krankenblatt: Geboren 1973 mit einer Aortenismusstenose, sofortige Herz-OP als Baby, die ersten Lebensmonate im Krankenhaus, eine zweite Herz-OP mit 21 inklusive erstem künstlichen By-Pass, seitdem chronischer Bluthochdruck mit dreifacher Medikation gegen ebendiesen – fantastische Voraussetzungen für ein langes Leben. Meine mir längst eigene „Es ist wie es ist“-Attitüde führte 2016 zu dem eruptiven Ausbruch, dass ich einfach sehr, sehr alt werden will, und zwar losgelöst von den medizinischen Fortschritten, die bis dahin neu hinzukommen und heute noch gar nicht bekannt sind. Früher teilweise vom Schulsport befreit, laufe ich mittlerweile mit großer Freude Halbmarathons, immer in dem Wissen um meine Disposition und langfristigen Ziele.


Die Zeitachsen-Verschiebung

Gehen wir gemeinsam einen Schritt zurück: Stellen Sie sich vor, Sie planen morgens, am Abend einer Sportart nachzugehen. Sie kommen spätnachmittags nach Hause, der Tag war ereignisreich und anstrengend. Sie haben die Wahl zwischen Couch und dem morgendlichen Ziel der sportiven Tätigkeit. Wie wird Ihre Entscheidung ausfallen? Oder: Wenn Sie eigentlich wissen, dass Obst und Gemüse gut sind und Sie beim Nachtisch die Wahl zwischen Obst und Eis haben, was werden Sie wählen? Oder denken Sie an Amerika vor knapp zehn Jahren zurück: Die extrem niedrigen Zinsen haben dazu geführt, dass es keine nennenswerten Sparrücklagen mehr gab und zusätzlich auch noch eine enorme Verschuldung einsetzte, da bekanntlich nicht nur Häuser auf Pump gekauft wurden, gerne gleich mehrere auf einmal.

Gibt es bei diesen drei Beispielen vielleicht eine Gemeinsamkeit? Natürlich. Diese liegt im zeitlichen Betrachtungshorizont der Auswirkungen aller Entscheidungen. Sport zu treiben oder sich gesund zu ernähren, hat ein Ziel, das sehr weit in der Zukunft liegt. Es geht letztlich darum, sein Leben zu verlängern oder besser gesagt, nicht unnötigerweise Lebensjahre zu verlieren. Teile des eigenen Geldes anzulegen und nicht alles auszugeben, hat seine Gründe und Auswirkung ebenso in der Zukunft, um auch im Rentenalter angemessen zu leben oder sich aber einen besonderen Urlaub in zwei oder drei Jahren auch wirklich leisten zu können, ohne dafür Kredite aufnehmen zu müssen.

Diese Beispiele sind exemplarisch für die sogenannte Kurzfrist-Falle und haben wiederum damit zu tun, wie Entscheidungen getroffen werden. Egal wie sehr wir glauben, vernunftbegabte Menschen zu sein, so haben Entscheidungen immer auch eine emotionale Komponente. Sofa oder Sport? Eis oder Obst? Das neue Auto oder die Altersvorsoge? Alle genannten langfristigen Ziele sind wenig emotional, die kurzfristigen Gegner sind es umso mehr. Noch verheerender wird die Wirkung, wenn die langfristigen Ziele zwar positiver Natur sind, die kurzfristigen Handlungen zum Erreichen der Ziele jedoch negativ. Stellen Sie sich eine sechsmonatige, intensive Spritzenbehandlung vor, um beispielsweise eine bestimmte Allergie loszuwerden. Spüren Sie, wie jede Spritze, die Sie sich zwei Mal pro Woche injizieren müssen, einen Schmerz verursacht, der gut zwei bis drei Stunden anhält. Würden Sie diese (negative) Behandlung wirklich über sich ergehen lassen, auch wenn Sie die (positive) Wirkung kennen?

„Wir ham‘ schon viel zu lang gewartet, lass mal Dopamin vergeuden.“ [1]

Die Gründe für das dauerhafte Zuschlagen der Kurzfrist-Falle finden sich – mal wieder – zwischen unseren Ohren. Wenn Sie bereits einmal etwas von Dopamin gehört haben, dann ahnen Sie, wohin die Reise geht. Dopamin ist der Botenstoff im Gehirn, der uns süchtig macht nach Freude, Wohlbefinden und Vergnügen. Unser Gehirn schüttet es aus, wenn etwas Tolles bevorsteht. Kennen Sie die Werbung mit dem Überraschungs-Ei und den Kindern alleine in einem Raum? Diese erfolgreiche Werbung geht zurück auf den berühmten Marshmallow-Test aus den 1960er Jahren, einem der bekanntesten psychologischen Experimente: „Eins sofort oder zwei in zwanzig Minuten.“, das war damals wie heute der einfache Testaufbau. Und Sie erkennen es vom Prinzip her wieder: Kann das Kind dem kurzfristigen Verlangen widerstehen, um ein (nur wenig) späteres, besseres Ziel zu erreichen?

Der Effekt funktioniert im Prinzip wie eine dreistufige Schleife: Wollen --> Genießen --> Lernen. Das Dopamin sorgt für die Lust auf Etwas, für die Vorfreude. Beim Genießen werden Botenstoffe wie beispielsweise Endorphine oder Adrenalin ausgestoßen, die für Glücksgefühle sorgen. Und wenn etwas besonders schön war, sorgt die Lern-Instanz dafür, dass beim nächsten Mal das Wollen noch größer ist. Ein mitunter tückischer Kreislauf, der im Zweifel jede Langfrist-Orientierung unterwandert.

Ist daher eine rationale Zukunftsgestaltung per se ausgeschlossen? Wo bleibt die Vernunft? Die Beispiele weisen darauf hin, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen vernünftigen Entscheidungen und der Zeitachse: Je weiter die Wirkung einer Entscheidung in der Zukunft liegt, desto vernünftiger wird sie. Die Lösung liegt also auf der Hand: Entscheidungen im Jetzt sollten erstens immer möglichst weit in der Zukunft wirksam werden und zweitens unter keinen Umständen mehr verändert werden dürfen. Außerdem sollte der Entscheider wenn immer möglich von den Auswirkungen der Entscheidung selbst betroffen sein, um schon im Eigeninteresse möglichst sachgerecht vorzugehen.


Eine großartige Zukunft

Konsequent weitergedacht zeigt sich, dass es neben dem zuvor genannten „Wollen“ im Jetzt auch eine Art „Sollen“ in der Zukunft gibt. Ohne gleich auf das Über-Ich nach Sigmund Freud abzustellen, meint das Zukunfts-Soll gleichwohl etwas Ähnliches: Das „Sollen“ gibt vernunftgestützt vor, welche Entscheidung im Hier und Jetzt sinnvollerweise zu treffen ist. Und das kann so einfach funktionieren? Nein, so trivial lassen sich antrainierte Verhaltensmuster nicht aufbrechen, denn Sie erinnern sich: Ohne Emotion geht gar nichts. Wenn Ihre Zukunft gut sein soll, müssen Sie es heute absolut großartig und – erlauben Sie die Ausdrucksweise – sexy finden.

Um im Hier und Jetzt Entscheidungen zu treffen, die der Kurzfrist-Falle zuwiderlaufen oder ganz allgemein formuliert einfach objektiv richtig sind, benötigen Sie eine klare Idee von Ihrer Zukunft. Das kann auch spontan erfolgen: Stellen Sie sich vor, auf einem Bahnsteig bricht eine Person zusammen. Ihr „Wollen“ wird Ihnen ganz viele Gründe nennen, nichts zu unternehmen, Ihr „Sollen“ aber wird in kürzester Zeit das Zukunftsbild darstellen, dass Sie sich immer Vorwürfe machen werden, wenn die Person aufgrund auch Ihrer Teilnahmslosigkeit sterben sollte. Dieses Soll-Bild kann daher als Gradmesser für das Hier und Heute dienen und die Entscheidung im besten Sinne in eine andere Richtung lenken, so dass Sie zum lebensrettenden Helfer werden.

Und damit bin ich wieder in meinem Jahr 2071. Wenn ich noch so lange leben werde, wird es dann nicht längst Zeit, dieses Leben zu planen? Dazu gehören, und auch hier schließt sich der Kreis, Geld und Gesundheit und natürlich noch einiges mehr. Was wäre falsch daran, die Jahrzehnte nach dem Arbeitsleben bereits heute zu durchdenken und zumindest in groben Zügen zu skizzieren? Alleine die Gedanken an heute noch nicht realisierbare Urlaubsziele lassen das Dopamin zumindest kurzfristig zucken, und eben diese emotionale Regung ist so wichtig für gute und zukunftsfähige Entscheidungen im Hier und Jetzt. Mein persönliches Interesse für autonome, urbane Mobilität hängt genau damit zusammen, auch wenn mein Bild vom Zielzustand frühestens 2050 bis 2060 Realität werden wird.

Doch wie gelingt es, das Sollen über das Wollen zu stellen? Gut zureden? Appelle? An die Einsicht plädieren? Vergessen Sie es! Alle diese typischen, oft genug gehörten und gesehenen Varianten versuchen, die Ratio des Menschen anzusprechen, also die Vernunftsebene. Wie schon skizziert, sind die Menschen aber nur über die emotionale Ebene zu erreichen, es geht nicht ohne. Es muss gewollt werden und sich dabei gut anfühlen. Diese fundamentale Einsicht ist oft genug bewiesen worden, ganz frisch ist eine entsprechende Studie über die Möglichkeiten, in Kantinen den Verzehr von Gemüse zu erhöhen [2]. Auch diese Studie hat wiederholt gezeigt, dass sach-orientierte Argumente („gesund“) nicht wirken. Viel besser ist es, deskriptive Elemente zu nutzen, die geradezu prosaisch-blumig das Objekt der Begierde beschreiben.

Zurück zur allgemeinen Frage, wie man das Sollen über das Wollen stellt. Hierzu wird ohne Zweifel Willenskraft benötigt. Diese ist zwar endlich, sie kann jedoch mit ein bisschen Übung und Tricks variiert werden, tatsächlich können Sie Ihre Willenskraft schonen, stärken oder gar erweitern. Lassen Sie mich lediglich exemplarisch auf die Erweiterung des Willens eingehen, da es sich hierbei um einfache, teilweise triviale Kniffe handelt, die zu guten Ergebnissen führen:

- Die aktuell schlimmste Dopamin-Falle lauert in Outlook und dem Smartphone. Schalten Sie sämtliche Benachrichtigungsfunktionen ab, der Effekt ist verblüffend. [3]

- Wenn Sie fristgerechte Ergebnisse abliefern wollen, bauen Sie (nicht zwingend benötigte) Kontrollinstanzen ein, die einen früheren Abgabetermin erzwingen.

- Die einfachste und bekannteste Form, den Willen des Sparens zu erweitern, ist die Einrichtung eines Dauerauftrags auf ein anderes Konto, optional mit langer Laufzeit, oder für einen Aktien- oder Fonds-Sparplan.
- Der Anblick des eigenen Selbst erhöht nachweislich die Scham bei nicht-tugendhaftem Verhalten. Dieser Effekt ist in unzähligen Studien nachgewiesen worden. Bringen Sie einen Spiegel am Kühlschrank an, wenn eine gesündere Ernährung ein Ziel ist. Ernsthaft.


Zeit für eine Vision?

Die Zukunft selbst zu gestalten ist also machbar. Es gibt keine Ausreden, es muss nur getan werden. Für jeden selbst ist eine solche Zukunft schön und gut, doch bisher ging es lediglich um die privaten Interessen. Lässt sich das Bild nicht auch auf den beruflichen Alltag spiegeln? Und ob, es ist sogar notwendig. Kurz gesagt: Wenn Sie Ihr eigenes Zukunftsbild klar haben, reicht es nicht. Wir leben alle in verschiedenen sozialen Umfeldern, und schon die kleinste Einheit, beispielsweise ein Ehepaar, wird massive Probleme bekommen, wenn die Zukunfts-Ichs beider Partner diametral auseinanderdriften.

Wie ist es dann wohl erst in einem Unternehmen wie IT.Niedersachsen mit derzeit mehr als 650 Mitarbeiter/innen? Haben Sie selbst eine Vorstellung davon, wo IT.Niedersachsen in 10 oder 15 Jahren stehen wird? Stehen sollte? Und wenn Sie eine haben, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese mit der Vorstellung ihrer Kollegen/innen vollständig übereinstimmt? Die Herausforderung, die Vision, ist ein kollektives Zukunftsbild, das weit über eine übliche Strategie hinausgeht und vielmehr ein positives Zukunftsszenario zeichnet, das als Leitmotiv heutige Entscheidungen beeinflusst. Ich weiß nicht, ob wir eine solche Zukunftsbetrachtung einmal versuchen werden, aber gleichwohl gilt auch so: Wenn Sie heute Entscheidungen bei IT.Niedersachsen treffen, fragen Sie sich doch vorher einfach einmal, ob die Entscheidung eine positive Wirkung in der Zukunft hat oder ob sie nur kurzfristig hilft. Bringt sie IT.Niedersachsen nachhaltig und langfristig voran?

Ja? Fantastisch, dann gestalten Sie schon heute die Zukunft von IT.Niedersachsen, auch wenn Sie vielleicht nur 97 Jahre alt werden.


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[1] Julia Engelmann, Poetry-Slammerin
[2] https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2630753
[3] Die psychologischen Tricks von Facebook und Co. werden in einer der nächsten Kolumnen beleuchtet.
Fotolia/fotomek  

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