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Die kausalierte Kohärenz korreliert gegen Null


Eine Kolumne von Frank Preßler


Über den Zusammenhang der Filme von Nicolas Cage und toten Menschen in amerikanischen Pools

„Das Narrativ bestimmt die Welt.“ Dieses Zitat unbekannten Ursprungs soll als Einstieg in die Materie dienen, die den Schwerpunkt meiner aktuellen Kolumne darstellt. Der Bedeutung dieses kurzen Satzes liegen ganze Epochen zugrunde, die durch einzelne Persönlichkeiten geprägt wurden – positiv wie negativ. Ach, und um Statistik geht es auch noch …

Denken Sie, liebe Leserschaft, einmal kurz nach: Gibt es Menschen, die Sie besonders beeindrucken, die Sie sogar prägen oder aber zumindest in Erinnerung haben? Haben diese Menschen etwas gemeinsam? Vermutlich ist es deren Fähigkeit, gute Geschichten zu erzählen. Der Begriff der Geschichte ist dabei gar nicht auf den privaten Bereich beschränkt. Prinzipiell geht es um jede Form von Erzählungen, im Englischen auch gerne allgemein als „Storytelling“ bezeichnet. Menschen hören anderen Menschen gerne zu, und daraus ergeben sich mannigfaltige Probleme, die es zu erklären gilt.

Man stelle sich einen kleinen Ort vor, in dessen Nähe neue Windkraftanlagen aufgestellt werden. Kurze Zeit später meldet sich der erste Bewohner bei seiner Ärztin mit Kopfschmerzen, die erst seit dem Bau der Windkraftanlagen da seien. Danach melden sich weitere Bewohner/innen mit ähnlichen oder anderen Symptomen, die vorher nicht existent waren. Die Geschichten der Einzelnen vermengen sich, so dass vollkommen klar zu sein scheint: Die Masten sind schuld. Ist dem wirklich so? In dem Maße, wie die einzelnen Bewohner/innen von sich aus vermeintlich überzeugend den Zusammenhang zwischen den Masten und Symptomen darstellen, werden andere – auch ärztliche Fachleute – in ihrer Meinungsbildung beeinflusst und vorgeprägt. Summieren sich solche Darstellungen auch noch (besonders gerne als sich selbst verstärkende Elemente, die in Richtung eines Nocebo-Effekts gehen), wird es schwierig, einem solchen geschlossenen Bild entgegenzuwirken.

Es gibt Beispiele, bei denen tatsächlich am Ende der Kette vermeintliche Ursachen von Erkrankungen entfernt wurden, obwohl es überhaupt keine Belege für deren Ursächlichkeit gab.


Nüchtern Autofahren ist viel gefährlicher als unter Alkoholeinfluss

Woran liegt das? Das zuvor genannte, vereinfachte Beispiel zeigt die Anfälligkeit des Menschen für die sogenannte Kohärenz von Sachverhalten. Wir sind darauf bedacht, die Welt zu verstehen und daher fortlaufend daran interessiert, Zusammenhänge zwischen einzelnen Teilen zu finden. Aber, und hier ist die entscheidende Frage, nur weil ein Sachverhalt in sich schlüssig im Wortsinne einer Kohärenz erscheint, muss er deswegen noch bei weitem nicht kausal sein. Wenn die Tanknadel eines Autos im tiefroten Bereich steht und der Wagen nicht anspringt, dann ist die Aussage „Das Auto springt wegen des leeren Tanks nicht mehr an.“ schlichtweg falsch. Der Satz ist in sich selbstverständlich schlüssig, also kohärent. Er ist aber bei weitem nicht kausal, da es diverse andere Gründe für das Nichtanspringen des Motors geben kann.

Kausalität und Kohärenz sind insofern zwei vollkommen verschiedene Seiten einer dem Grunde nach ziemlich gleichen Medaille. Unsere Neigung, unbedingt in allem fortlaufend Verbindungen zu sehen führt zu dem fast bestürzenden Moment, das Element des Zufalls nicht in dem Maße zu akzeptieren wie es nötig erscheint. Dabei sind zufällige Ereignisse viel ausgeprägter als man oftmals meint, viele Erfindungen sind zufällig entstanden, ebenso wie beispielsweise Kriege. Die mangelnde Akzeptanz des Zufalls in unser aller Lebensläufen trägt dazu bei, gerade bei besonders tragischen Momenten wie dem Tod von Mitmenschen nach Kausalitäten zu suchen, bis hin zur eigenen Schuldsuche, obgleich objektiv gesehen einfach nur der Zufall in seiner negativsten Gestalt maßgeblich war.

Das Wissen um diese Verletzlichkeit des Menschen kann selbstverständlich ausgenutzt werden. Wer im Fokus der Öffentlichkeit steht, als Politiker/in, Vorsitzende/r eines großen Unternehmens oder einer Gewerkschaft, der- oder diejenige nutzt die Eigenschaften guten Storytellings im Sinne kohärenter Geschichten für die eigenen Ziele und Zwecke. Ob die Fakten stimmen ist sekundär, ebenso wie die Frage nach umfassender Kausalität bestimmter Behauptungen und Zusammenhänge. „Das Narrativ bestimmt die Welt.“ Beispiele für diesen Satz gab es in den letzten Jahren zu genüge.


Nicolas Cage ist an allem Schuld

Zu diesen beiden bisher vorgestellten K-Begriffen gesellt sich aber gerne noch ein drittes Wort, das – Achtung: Zufall – ebenso mit dem Buchstaben „K“ beginnt: die Korrelation. Wussten Sie beispielsweise, dass es einen ziemlich ausgeprägten Zusammenhang zwischen der Anzahl von Filmen mit Nicolas Cage und der Anzahl der Todesopfer durch Ertrinken im eigenen Pool in Amerika gibt? Hier der Beweis:

Das ist doch schockierend, und die offenkundige Frage, ob Nicolas Cage aufgrund dieser Fakten endlich mit der Schauspielerei aufhört ist bis heute ungeklärt.

Nun ja, sofern Sie sich an das Plädoyer fürs Zweifeln erinnern, werden Sie dieses hoffentlich gerade tun. Ist die Schauspielkunst von Nicolas Cage tatsächlich zu großen Teilen für Ertrinkungsunfälle in Amerika verantwortlich? Selbstverständlich ist diese Frage zu verneinen. Was aber passiert hier? Aufgrund der dramatischen, offenkundigen Unsinnigkeit der obigen Grafik ist die Antwort klar: Es werden einfach zwei Datenreihen ohne jedweden Zusammenhang gesucht, die hinsichtlich ihres Verlaufs über die Zeitreihe hinweg so stark wie möglich identisch sind. Werden beiden Datenreihen übereinandergelegt, sieht es so aus, als ob es einen kausalen (!) Zusammenhang gäbe.


Fernsehen macht dumm und Killerspiele Massenmörder

Die hier genannten Beispiele sind extreme Formen und dienen lediglich der Veranschaulichung. Stellen Sie sich jedoch vor, in wie vielen anderen Fällen Daten miteinander in Beziehung gesetzt werden, die nicht so ohne weiteres als falsch zu erkennen sind. Auch hier ist manipulativen Wirkungen Tür und Tor geöffnet. Damit ist nicht der alte Gassenhauer der „Statistik, der ich nur glaube, wenn ich sie selbst gefälscht habe“ gemeint (übrigens kein Ausspruch von W. Churchill, siehe Monatsheft des Statistischen Landesamtes B-W aus 11/2004, http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/Service/Veroeff/Monatshefte/PDF/Beitrag04_11_11.pdf). Vielmehr meint es die Möglichkeiten, die sich aus der Interpretation und dem Zusammenführung von statistischen Fakten ergeben. Je komplexer die Materie ist, desto unwahrscheinlicher ist es für die Allgemeinheit, bewusste oder fahrlässig herbeigeführte Fehler zu finden.

Ein wenig schönes Beispiel findet sich alljährlich in der Veröffentlichung der Kriminalitätsstatistiken, die für Niedersachsen erst vor wenigen Wochen erfolgte. Ohne an dieser Stelle parteipolitisch zu werden: Es war herausfordernd, die einzelnen Darstellungen von Parteien und auch den regionalen Medien zu verfolgen und über die jeweilige Objektivität der Interpretation nachzudenken.

An einem bekannten Beispiel soll abschließend die allgemeine Logik skizziert werden. Immer wieder heißt es vereinfacht ausgedrückt, dass Kinder durch zu viel Medienkonsum verblöden. Hierzu gibt es korrelierende Daten, die auch nicht in Abrede gestellt werden sollen, sehr wohl aber die behauptete Kausalität. Wenn wir annehmen, dass der Medienkonsum A darstellt und die Verdummung B, dann gibt es in Bezug auf die Kausalität aber gleich drei Optionen:

1. A verursacht B: Kinder mit zu viel Fernsehen (oder Handykonsum) werden dümmer.
2. B verursacht A: Kinder mit weniger Intellekt schauen von sich aus mehr Fernsehen.
3. C beeinflusst A und B: Externe Faktoren wie insbesondere die Eltern sind maßgebliche Einflussfaktoren auf A und B.

Die Optionen 2 und 3 sind genauso möglich wie die intuitive und populäre Variante 1, sie werden nur so gut wie nie betrachtet. Für jede Form von Zusammenhängen gibt es wenigstens diese drei denkbaren Kausalitäts-Varianten, die im besten Falle immer betrachtet werden müssen, um die wahre Natur eines Zusammenhangs zu finden.

Zurück zur Arbeit: Es ist ziemlich sicher, dass uns allen mehr oder weniger oft Papiere bekannt werden, in denen sich das hier skizzierte Thema wiederfindet. Auch in Gesprächen werden ziemlich oft sogar Zusammenhänge hergestellt, die bei genauem Hinsehen gar keine sind oder wo andere Sichtweisen ausgeklammert werden. Schauen Sie genau hin!

Ist die (absolute) Zahl von Störungsmeldungen bei einem IT-Service wirklich gestiegen, oder aber liegt es nicht einfach nur an einer erheblich gestiegenen Anzahl von Neu-Usern, so dass die viel objektivere (relative) Kennzahl Incidents pro User sogar gesunken ist? Und gibt es andere Kausalzusammenhänge, beispielsweise dass Neu-User schon deswegen häufiger anrufen, weil sie zu Beginn grundlegende Fragen haben, die mit mehr Erfahrung nicht mehr gestellt werden müssen? Beispiele dieser Art lassen sich sicherlich in verschiedenen Ausprägungen in allen Fachgebieten finden.

Auch wenn es offenbar gerade en vogue ist, das post-faktische Zeitalter auszurufen und alternative Fakten in vollkommener Ironiefreiheit zu präsentieren, sollte dieses Vorgehen einiger Weniger nicht den Maßstab des eigenen Handelns darstellen. Helfen Sie mit, schauen Sie genau hin, und lassen Sie uns gemeinsam echte Zusammenhänge finden, die IT.Niedersachsen zu einem noch besseren IT-Dienstleister werden lassen.
Fotolia/M. Schuppich  

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